Irgendwann stellen wir alle uns diese Frage, ist es nicht so? Also wir Frauen, meine ich. Hast du dich das schonmal gefragt? Vielleicht nach einem Gespräch, in dem du wieder nachgegeben hast, obwohl du eigentlich anderer Meinung warst. Vielleicht nach einer Situation, in der du gemerkt hast, dass dein Entgegenkommen als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wurde. Oder nach einem Feedbackgespräch, in dem dir gesagt wurde, du müsstest dich mehr durchsetzen, dir aber gleichzeitig nicht ganz klar war, wie das gehen soll ohne dich zu verstellen oder gegen eins der anderen ungeschriebenen Gesetze für weibliches Auftreten im Business zu verstoßen.
Musst du also zwischen nett und erfolgreich wählen?
Die kurze Antwort: Nein. Aber es ist ein bisschen komplizierter als das. Denn nett sein ist nicht gleich nett sein. Und genau da liegt der Haken.
Woher kommt unser Nett-Sein eigentlich?
Bevor wir über Strategien reden, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Denn unser Nett-Sein kommt nicht aus dem Nichts. Es hat eine Geschichte.
Gesellschaftlich ist das schnell erklärt: Mädchen werden von klein auf dazu erzogen, freundlich zu sein, harmonisch, angepasst. Nicht zu laut, nicht zu fordernd, bloß nicht unangenehm auffallen. Wer brav und nett ist, bekommt Lob. Wer Grenzen setzt, Widerspruch einlegt oder unbequem wird, bekommt zu hören: „Sei nicht so anstrengend/schwierig/bossy, sei lieb.“ Oder, wie mir mal in der dritten Klasse eine Mitschülerin in mein Poesialbum schrieb:

Sei wie das Veilchen im Moose
bescheiden, sittsam und rein
und nicht wie die stolze Rose
die immer bewundert will sein.
Diese Sätze von Verwandten, Lehrer:innen und Poesiealben sitzten tief, viel tiefer als wir oft ahnen.
Dazu kommen persönliche Geschichten. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich sehr konfliktvermeidend bin und generell immer darum bemüht bin, eine gute Stimmung aufrechtzuerhalten, egal was das kostet. Das hat mit meiner eigenen Geschichte zu tun, nicht nur mit gesellschaftlichen Erwartungen. Und ich glaube, das kennen viele Frauen. Unser Nett-Sein ist oft eine Mischung aus beidem: aus dem was uns die Gesellschaft beigebracht hat, und aus dem was wir persönlich erlebt haben.
Das Verhalten, was wir aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen und Vorstellung und unseren persönlichen Geschichten ausgeprägt haben, sollten wir aber nicht als Schwäche sondern als zu einer Zeit notwendige Strategie betrachten. Also, ganz konkret: wenn du immer nett bist, obwohl du weißt, dass das für dich Sch****e ist, dann machst du das nicht, weil du schwach bist, sondern weil du vermutlich schon vor langer Zeit diese Strategie aus wichtigen Gründen entwickelt hast.
Aber: Heute, genau jetzt lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn nicht jedes Nett-Sein ist gleich und vor allem ist nett nicht unbedingt immer gleich gut oder schlecht.
Nett oder gefällig: ein wichtiger Unterschied
Es gibt zwei Arten von Nett-Sein, und der Unterschied zwischen ihnen ist entscheidend.
Die erste Art kommt von innen. Du bist freundlich, weil du es so willst. Weil dir Menschen wichtig sind, weil du gerne eine gute Atmosphäre schaffst, weil Wertschätzung für dich ein echter Wert ist. Das ist authentisches Nett-Sein, und es ist eine echte Stärke. Menschen, die so sind, sind angenehm, verlässlich und oft sehr wirksam, weil sie Vertrauen aufbauen und Brücken bauen können.

Die zweite Art kommt aus einer Angst. Angst vor Ablehnung, vor Konflikten, vor dem Eindruck, schwierig zu sein. Du sagst Ja, obwohl du Nein meinst. Du schluckst Dinge runter, die dich ärgern. Du machst dich kleiner, damit andere sich größer fühlen können. Das ist nicht mehr Nett-Sein, das ist Gefälligkeit. Und Gefälligkeit hat einen Preis. Das klingt vielleicht vertraut. In diesem Artikel habe ich aufgeschrieben, was es dich wirklich kostet, immer die nette Arbeitskollegin zu sein.
Der Unterschied klingt einfach, ist aber im Alltag oft schwer zu spüren. Weil beides sich gleich anfühlen kann. Weil wir so trainiert sind, reflexartig nett zu sein, dass wir gar nicht mehr merken, aus welcher Quelle es gerade kommt. Und weil viele von uns im Laufe der Jahre voller Anpassung an äußere Standards den Zugang zu unseren wirklichen Gefühlen und zu unserer tiefen Intuition verloren haben.
Eine gute Frage die hilft: Wie fühle ich mich danach? Wenn du nach einer Situation, in der du nett warst, erschöpft, leer oder innerlich ärgerlich bist, dann war es wahrscheinlich Gefälligkeit. Wenn du dich gut fühlst, zufrieden und eher leicht, dann war es vermutlich echtes Nett-Sein.
Und dann gibt es noch den Unterschied zwischen nett sein und ein Pushover sein, also jemand dem gegenüber sich andere alles erlauben können. Nett bedeutet nicht, dass du dir alles gefallen lässt. Nett bedeutet nicht, dass du keine Grenzen hast. Nett bedeutet nicht, dass deine Bedürfnisse weniger zählen als die der anderen. Das sind zwei komplett verschiedene Dinge, auch wenn sie von außen manchmal verwechselt werden.
Der Zauberstab-Moment

Ich erinnere mich noch gut an ein Projekt, in dem ich mit einem Kollegen zusammengearbeitet habe, der mich einfach nicht ernst nahm. Er war oft unfreundlich, schroff, und ich hatte das Gefühl, egal was ich tat, es reichte ihm nicht. Meine Reaktion darauf? Ich wurde immer netter. Immer softer. Immer bemühter. Ich dachte, wenn ich nur freundlich genug bin, wird er irgendwann auch freundlicher.
Er wurde schroffer.
Bis ich an einem Nachmittag, aus völlig anderen Gründen gestresst und mit den Nerven am Ende, ihn einfach angefahren habe. Nicht geplant, nicht strategisch, einfach weil ich an dem Tag nichts mehr übrig hatte für mein übliches Nett-Sein.
Und plötzlich lief es.
Es war als hätte ich einen Zauberstab gehabt. Von einem Tag auf den anderen hatte ich seinen Respekt. Nicht weil ich unfreundlich geworden war, sondern weil ich zum ersten Mal eine Grenze gesetzt hatte, auch wenn das völlig unbeabsichtigt passiert war und mit Sicherheit auch „netter“ gegangen wäre.
Das war ein echter Aha-Moment für mich. Denn ich hatte jahrelang geglaubt, dass mehr Nett-Sein die Lösung ist, wenn jemand schwierig ist. Dieser Moment hat mir gezeigt: manchmal ist es genau andersrum.
Nett sein und erfolgreich sein: kein Widerspruch
Was ich aus diesem Moment mitgenommen habe, und was ich seitdem immer wieder erlebe, ist folgendes: Nett sein und erfolgreich sein schließen sich nicht aus. Aber nett sein auf Kosten deiner selbst eben schon.

Der Unterschied liegt im selektiven Nett-Sein. Das klingt vielleicht kalt oder berechnend, ist es aber nicht. Es bedeutet einfach, dass du anfängst bewusst zu wählen, wann und wem gegenüber du wie viel gibst. Du bist nicht automatisch nett zu jedem, in jeder Situation, egal was es dich kostet. Sondern du bist nett, weil du es so willst, weil die Situation es verdient, weil es deinen Werten entspricht.
Und gleichzeitig setzt du Grenzen. Nicht weil du schwierig bist, sondern weil Grenzen setzen eine Form von Respekt sind: Respekt dir selbst aber auch den anderen gegenüber. Denn klare Grenzen machen Beziehungen und Zusammenarbeit oft ehrlicher und nachhaltiger als endloses Entgegenkommen. Möglicherweise hat sich ein Anteil in meinem Kollegen von meinem aus seiner Sicht endlosen „Gechleime“ respektlos behandelt gefühlt. Und in dem Moment, in dem ich endlich mal ehrlich Stopp gesagt habe, fühlte auch er sich gesehen und „integriert“. Verstehst du, was ich meine? Wir wissen natürlich nicht, was in den Köpfen anderer Menschen wirklich vor sich geht …
Mein Nett-Sein hat sich verändert, aber es ist definitiv nicht verschwunden. Ich bin immer noch grundsätzlich ein freundlicher Mensch, das ist einfach wer ich bin und ich weiß, dass ich auch dafür besonders geliebt und geschätzt werde. Aber ich merke heute schneller, wenn Nett-Sein mich etwas kostet, das ich nicht zahlen will. Und dann entscheide ich bewusst, nicht reflexartig. Ich will aber auch ehrlich sein: niemand ist perfekt und ich laufe auch heute mit meinen fast 50 Jahren immer noch in meine eigenen Nettigkeitsfallen! Es bleibt also eine Lernaufgabe 😉
Denn: das ist natürlich kein Schalter, den man einfach umlegt. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht und auch Rückschritte mit sich bring. Aber er lohnt sich. Weil du am Ende nicht zwischen nett und erfolgreich wählen musst, sondern beides sein kannst, auf deine ganz eigene Art.
Fazit: Du musst dich nicht entscheiden!

Nicht zwischen nett und erfolgreich, nicht zwischen angenehm und durchsetzungsstark, nicht zwischen du selbst sein und im Job weiterkommen.
Aber du darfst aufhören, nett zu sein auf Kosten von dir selbst. Du darfst anfangen zu unterscheiden, wann dein Nett-Sein aus echter Stärke kommt und wann aus Angst. Du darfst wählen, wem gegenüber und wann du wie viel gibst. Und du darfst Grenzen setzen, nicht obwohl du ein freundlicher Mensch bist, sondern genau deswegen.
Das braucht Zeit, Übung und viel Reflektion. Und manchmal hilft ein unbeabsichtigter Zauberstab-Moment, der dir zeigt, dass es auch anders geht. Wann dabei Coaching wirklich hilfreich ist, und für wen es sich lohnt, schaue ich mir in diesem Beitrag an.
Hast du dich in diesem Artikel wiedererkannt und merkst, dass du dir hierfür Unterstützung wünschst? Dann würde ich mich sehr freuen, wenn du dich bei mir meldest. In einem kostenlosen Strategiegespräch schauen wir gemeinsam auf deine Situation und finden heraus, was dein nächster Schritt sein könnte.

