Hey, ich bin Mimi und ich war jahrelang die Frau, die sich im Meeting lieber zweimal überlegt hat, ob sie jetzt wirklich etwas sagen soll; die bei Mansplaining freundlich gelächelt hat; die bei Fehlern anderer geschwiegen hat, obwohl sie es besser wusste; die nie nach einer Gehaltserhöhung gefragt hat, weil sie irgendwie dachte, gute Arbeit würde irgendwann schon von selbst auffallen.
Ist sie aber nicht. Zumindest nicht so, wie ich es mir erhofft hatte.
Ich war nett, angepasst und zuverlässig. Ich hab meine Aufgaben einfach erledigt, ohne großes Aufheben. Und ich hab mich oft gewundert, warum ich eigentlich nicht vorankomme? Warum ich keine Gehaltserhöhung bekomme, obwohl ich so viel gebe, so fleißig bin? Warum ich bei Beförderungen jedes Mal übergangen, ja nicht einmal in Erwägung gezogen werde …
Ich hab mich zwar sehr, sehr oft ungerecht behandelt gefühlt und doch war ich mir damals sicher, es läge an mir. Alle anderen waren eben besser, schlauer, durchsetzungsfähiger und mutiger als ich – ich also nicht gut genug, nicht schlau genug, nicht durchsetzungsfähig und vor allem nicht mutig genug.
Heute weiß ich: Es lag tatsächlich an mir. Nur nicht so, wie ich damals dachte.
Sich im Job wie ein Fähnchen im Wind anzupassen hat einen Preis. Einen ziemlich konkreten. Und der wird selten laut benannt, weil er sich so schleichend aufbaut, dass man ihn jahrelang gar nicht als Preis erkennt. Man denkt, das ist halt einfach so. Das ist das normale Berufsleben.
Ist es nicht. Hier sind die Kosten, die ich selbst bezahlt habe, und die ich heute bei vielen Frauen immer wieder erkenne.
Punkt 1: Weniger Geld. Jedes Jahr.

Gehaltserhöhungen passieren nicht einfach so (außer du hast einen Vertrag mit Tarifbindung oder eine entsprechende Klausel). Ich weiß, das klingt eigentlich logisch, aber ich hab das wirklich lange nicht gewusst. Oder besser gesagt: Ich hab es verdrängt, weil die Alternative – nämlich aktiv danach zu fragen – sich für mich anfühlte wie Betteln um etwas, von dem ich selbst nicht sicher war, ob ich es überhaupt verdiene und somit wie eine schier unüberwindbare Hürde.
Ich dachte ernsthaft, wenn ich gut genug arbeite, wenn ich „glänze“, wird das irgendwann jemand sehen und mir entsprechend mehr zahlen. Spoiler: Niemand kommt von allein auf dich zu und legt dir einfach mehr Geld auf den Tisch! Nicht weil dein Chef böse ist, sondern weil das System so funktioniert. Wer fragt, bekommt. Wer schweigt, bleibt, wo sie oder er ist.
Und das summiert sich. Ein Jahr ohne Gehaltserhöhung ist vielleicht noch verkraftbar. Aber fünf Jahre? Zehn? Da reden wir nicht mehr über ein paar hundert Euro. Da reden wir über einen spürbaren Unterschied im Portemonnaie, auf dem Rentenkonto, beim finanziellen Spielraum im Leben. Und dazu kommt ja noch, dass du auf diese Weise auch keinen Inflationsausgleich bekommst, dein Leben wird also (in der Regel) gleichzeitig auch noch immer teurer: ein doppelter Verlust also!
Hier ein paar Fakten
Laut einer Indeed-Studie aus dem Jahr 2024 haben 45 Prozent der Frauen in Deutschland noch nie nach einer Gehaltserhöhung gefragt. Und selbst wenn sie es tun, bekommen sie seltener das, was sie gefordert haben als ihre männlichen Kollegen. Ich hatte hier übrigens kurz überlegt, ob ich lieber „gewünscht“ schreiben soll und sofort wieder ein Muster erkannt: Frauen wünschen sich mehr Gehalt, Männer fordern es!
Das Ergebnis davon zeigt sich im Gender Pay Gap: Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer (Statista, 2024). Sechzehn Prozent. Auch, wenn wir hier einen positiven Trend verzeichnen können, ist as nach wie vor keine Kleinigkeit sondern ein leider nachhaltiges strukturelles Problem von dem das Schweigen vieler Frauen halt ein wichtiger Teil ist. Damit will ich nicht sagen, dass wir Schuld sind. Aber auch wir halten durch unsere Sozialisierung diese patriarchalen Strukturen mit aufrecht.
Punkt 2: Bei Beförderungen unsichtbar

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich einmal mitbekommen habe, dass eine Stelle mit mehr Verantwortung neu besetzt wird. Ich hab kurz gedacht: „Eigentlich könnte ich das.“ Und dann hab ich gewartet, dass mich jemand fragt oder dass mich jemand vorschlägt, jedenfalls, dass mein Name irgendwie von selbst auftaucht.
Er ist natürlich nicht aufgetaucht und ich bin natürlich nicht befördert worden.
Befördert wird in den seltensten Fällen, wer still und zuverlässig seinen Job macht. Befördert wird, wer sichtbar ist. Wer Präsenz zeigt, Projekte aktiv einfordert, sichtbar erfolreich zum Abschluss bringt, sich für Verantwortung empfiehlt. Aber in meinen Augen war so ein Verhalten immer Angeberei. „Schau mal, wie toll ich bin.“ Das wollte ich nicht sein und, da will ich ganz ehrlich mit dir sein: ich mag das heute immer noch nicht gerne.
Was ich damals nicht verstanden hatte: Sichtbar sein wollen und etwas dafür tun ist keine Angeberei. Sichtbarkeit ist schlicht eine Voraussetzung dafür, dass andere wissen, was du kannst und was du willst. Was das konkret bedeutet, und warum es nichts mit Ellenbogen zu tun hat, erkläre ich hier genauer.
Die Fakten:
Wieder ist es kein Zufall, dass Frauen seltener befördert werden als Männer, auch bei vergleichbarer Leistung und Qualifikation. Potenzial wird bei Frauen oft zurückhaltender eingeschätzt, Führungsstärke wird mit Eigenschaften assoziiert, die eher Männern zugeschrieben werden. Und wer sich selbst nicht aktiv ins Gespräch bringt, gibt anderen halt die Möglichkeit, diese Lücke zu füllen.
Das Ergebnis zeigt sich in einer Zahl, die mich ehrlich gesagt jedes Mal wieder überrascht: In Deutschland waren 2024 lediglich 29,1 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt und dieser Anteil hat sich seit zehn Jahren praktisch nicht verändert (Statistisches Bundesamt, 2025). Und das, obwohl fast die Hälfte aller Erwerbstätigen in Deutschland Frauen sind.
Punkt 3: Fortbildungen und andere Chancen, die einfach an dir vorbeigehen

Ich hab lange nicht verstanden, warum ich eigentlich nie zu Fortbildungen geschickt wurde. Ich hab das einfach hingenommen, irgendwie. Andere wurden gefördert, ich hab meinen Job gemacht. Und irgendwann hab ich aufgehört, überhaupt noch zu hoffen, dass sich das irgendwann ändert.
Was ich damals nicht wusste: Auch Fortbildungen, spannende Projekte, Konferenzen, Sichtbarkeits-Chancen aller Art fallen nicht vom Himmel. Die werden vergeben. Von Menschen, die dabei an bestimmte andere Menschen denken. Und an wen denkt man, wenn man in einer Runde sitzt und überlegt, wen man für ein neues Projekt nominiert oder auf eine Konferenz schickt? An die, die präsent sind. Die sich gemeldet haben. Die sichtbar Interesse gezeigt haben.
Ja, du bist die Zuverlässige, die ihren Job gut macht und die vielleicht sogar den Laden am Laufen hält. Aber das sieht niemand, das hört niemand oder im schlimmsten Fall wird das sogar für selbstverständlich gehalten, weil dieses Verhalten von uns Frauen von jeher erwartet wird.
Was dahintersteckt:
Meistens ist es keine böse Absicht, sondern ein Mechanismus, der tief in Organisationen steckt: Chancen gehen an die, die man auf dem Schirm hat. Und auf dem Schirm hat man meistens die, die Raum einnehmen, Meinungen äußern, Wünsche formulieren. Frauen werden in unserer Gesellschaft von klein auf trainiert, sich zu kümmern und dabei bescheiden zu sein, nicht zu viel zu wollen, nicht aufzufallen.
Und das hat noch eine weitere, sehr konkrete Konsequenz: Für genau diese Fürsorge-Haltung werden wir im Job auch noch eingespannt. Die Wirtschaftsforscherin Linda Babcock von der Carnegie Mellon University hat in jahrelanger Forschung dokumentiert, was viele von uns aus dem Bauch kennen: Frauen werden häufiger als Männer gebeten, die Aufgaben zu übernehmen, die niemand wirklich machen will und sie sagen häufiger ja (The Ladders, 2018). Babcock nennt das „Office Housework“: Protokolle schreiben, neue Kolleginnen einarbeiten, die Bürofeier organisieren, Konflikte aus der Welt schaffen. Von uns wird einfach erwartet, diese Aufgaben zu übernehmen, wenn wir es machen, ist es also nichts besonderes, nicht erwähnenswert. Lehnen wir es aktiv ab, werden wir aber schlechter bewertet als Männer, die diese Aufgaben nicht übernehmen wollen.
Also wieder eine doppelte Falle: Die Zeit, die wir mit Office Housework verbringen, fehlt uns für die Arbeit, die wirklich zählt. Die Projekte, die Sichtbarkeit bringen. Die Aufgaben, für die man befördert wird.
Punkt 4: Du wirst nicht ernst genommen

Das ist vielleicht der Punkt, der mich damals am meisten Energie gekostet hat. Nicht die Überlastung, nicht das fehlende Geld. Sondern dieses Gefühl, wenn du etwas sagst, etwas Richtiges, Wichtiges, und es kommt einfach nicht an.
Ich hab Fehler gesehen und geschwiegen. Ich hab Dinge besser gewusst und sie nicht gesagt, weil ich Angst hatte, dass es falsch rüberkommt. Zu kritisch. Zu direkt. Zu emotional, wenn ich es mit Nachdruck sage. Zu unsichtbar, wenn ich es leise sage.
Es gibt da so ein Dilemma, das viele Frauen im Job kennen: Wenn du ruhig und sachlich bist, wirst du überhört. Wenn du mit Nachdruck sprichst, bist du „emotional“ oder „schwierig“. Es gibt gefühlt keinen richtigen Weg. Und irgendwann fängst du an, gar nichts mehr zu sagen. Nicht weil du nichts zu sagen hättest. Sondern weil es sich einfach nicht mehr lohnt. Ob Frauen wirklich zwischen nett und erfolgreich wählen müssen, diskutiere ich in diesem Beitrag.
Du bist damit nicht allein:
Und das ist auch weder Einbildung noch Überempfindlichkeit. In der Forschung hat dieses Phänomen sogar einen Namen: der „double bind“-Effekt. Frauen stehen vor einem gesellschaftlichen Doppelstandard, bei dem dieselbe Verhaltensweise je nach Geschlecht völlig unterschiedlich bewertet wird. Ein Mann, der seine Meinung klar und bestimmt äußert, gilt als durchsetzungsstark. Eine Frau, die dasselbe tut, gilt als aggressiv oder emotional. Hält sie sich hingegen zurück, ist sie nicht führungsstark genug oder sogar inkompetent. Eine Zwickmühle!
Punkt 5: Du verlierst dich selbst

Das ist der Preis, über den am wenigsten gesprochen wird. Und der meiner Meinung nach am schwersten wiegt.
Wenn du jahrelang schweigst, dich anpasst, zurücknimmst und wartest, passiert irgendwann das hier: Du weißt gar nicht mehr so genau, was du eigentlich willst. Was du dir wünschst. Was du kannst. Wer du bist, wenn du nicht gerade versuchst, niemandem auf die Füße zu treten oder allen zu gefallen.
Ich hab das selbst erlebt. Irgendwann in meiner Angestelltenzeit hab ich gemerkt, dass ich gar nicht mehr wusste, welche Projekte mich wirklich interessieren. Welche Richtung ich beruflich einschlagen will. Was ich überhaupt für mich für möglich halte. Ich hatte mich so lange auf das Funktionieren konzentriert, dass ich den Kontakt zu meinen eigenen Wünschen und Ambitionen, zu mir selbst verloren hatte.
Warum ist das so?
Psychologinnen nennen das manchmal den Verlust der eigenen Handlungsfähigkeit oder auf englisch „agency“. Also das Gefühl, selbst Einfluss auf das eigene Leben nehmen zu können, eigene Entscheidungen zu treffen, aus eigener Kraft etwas zu bewegen. Wer jahrelang in Strukturen arbeitet, die dieses Gefühl systematisch untergraben, verliert irgendwann den Zugang dazu. Nicht für immer. Aber es ist ein Stück Arbeit, sich selbst wiederzufinden.
Was das alles mit Anpassung und unserer Gesellschaft zu tun hat
Ich möchte an dieser Stelle etwas sehr Wichtiges klarstellen, bevor wir zum Ende kommen:
All das, was ich hier beschrieben habe, ist kein persönliches Versagen. Es ist keine Charakterschwäche. Und es ist auch keine Frage von Intelligenz oder Kompetenz. Die Frauen, die ich begleite, sind klug, engagiert und fachlich stark. Und trotzdem erleben sie genau die Situationen in diesem Beitrag.

Der Grund ist simpel: Wir wurden so sozialisiert. Von klein auf lernen Mädchen, dass Anpassung belohnt wird. Dass es wichtig ist, bescheiden zu sein. Dass wir nicht zu viel Raum einnehmen dürfen. Dass Harmonie wichtiger ist als unsere eigene Meinung. Nach diesen Glaubenssätzen zu handeln ist also im Grunde keine freie Entscheidung, es sind jahrzehntelang eingeübte Muster.
Mit diesen Mustern und Attributen kommen wir in eine Arbeitswelt, die von Strukturen geprägt ist, in denen genau das Gegenteil zählt: Sichtbarkeit, Lautstärke, Selbstvermarktung, Durchsetzungsstärke. Merkst du etwas? Das sind doch genau die Attribute, mit denen wir nach wie vor Jungs zu Männern groß ziehen. Ihnen wird genau das beigebracht: kämpfe, sei sichtbar, setze dich durch, stehe für dich ein!
Wir bringen also Eigenschaften mit in diese nach wie vor patriarchale Welt, die wir unser ganzes Leben lang kultiviert haben, und merken dann, dass sie hier nicht die Währung sind, die zählt. So gesehen, sind wir von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Das ist frustrierend. Das ist unfair. Und ja, es hat System.
Aber heißt das, dass wir den Kopf in den Sand stecken sollten? Einfach aufgeben? Natürlich nicht!
Es gibt natürlich Wege, dieses System auch zu deinem zu machen und zwar ohne dich zu verbiegen oder deine Werte zu verraten. Und deshalb lohnt es sich, hinzuschauen. Nicht um das System zu entschuldigen, nicht um es zu boykottieren, sondern um zu verstehen, was mit dir passiert, und was du tun kannst, wenn du so nicht mehr weitermachen willst.
Fazit

Wenn du dich in diesem Text wiedererkannt hast, dann weißt du jetzt: Es liegt nicht an dir. Nicht an deiner Kompetenz, nicht an deiner Persönlichkeit, nicht daran, dass du einfach „nicht der Typ“ für mehr bist.
Es liegt am System und es liegt an Mustern. Und Muster kann man verändern.
Ich arbeite mit Frauen, die genau da stehen, wo ich mal stand und wo du jetzt vielleicht stehst. Die merken, dass sie sich jahrelang kleiner gemacht haben als sie sind. Die nicht mehr warten wollen, dass irgendjemand kommt und sie entdeckt. Die bereit sind, aktiv etwas zu verändern, an ihrer Sichtbarkeit, ihren Grenzen, ihrem Selbstwert.
Wenn du das auch willst, dann fang hier an: Der Job-Realitycheck hilft dir, klarer zu sehen wo du gerade stehst, und danach kannst du dich für drei kurze Impuls-Mails anmelden, die genau da weitermachen, wo dieser Artikel aufgehört hat.

