Ich hatte mal eine Kollegin, die ich wirklich sehr mochte. Sie war einer dieser Menschen, die man sofort sympathisch findet, warmherzig, klug, engagiert. Und sie hatte sich für ihre Karriere eine Menge vorgenommen, was ich damals sehr bewundert habe, weil sie das mit einer Selbstverständlichkeit gelebt hat, die ich mir selbst damals noch nicht so ganz zugetraut hatte.
Fachlich war sie top, zuverlässig, immer gut vorbereitet. Aber irgendwie kam sie nicht weiter. Ihre Ideen wurden überhört, ihre Leistung kaum wahrgenommen, und egal was sie tat, bei ihrer Chefin konnte sie es einfach nicht richtig machen. Ihre männlichen Kollegen hatten dieses Problem übrigens nicht, die kamen wunderbar mit der Chefin klar.
Also fing meine Kollegin an, an sich zu arbeiten. Rhetorik-Training, Körpersprache-Training, Kommunikationstechniken, Video-Analyse, das volle Programm. Sie kannte irgendwann wirklich alle Tipps und Tricks. Und trotzdem hatte sie das Gefühl, dass sich nichts grundlegend veränderte. Bei ihrer Chefin biss sie nach wie vor auf Granit und irgendwie stand sie auf dem Abstellgleis.
Ich habe damals ehrlich gesagt auch nicht gewusst, was ihr wirklich fehlt. Ich habe zugehört, Verständnis gezeigt, aber eine Antwort hatte ich nicht.
Heute habe ich die. Sie hat sie mir Jahre später gegeben. Und darum geht es in diesem Artikel.
(Dieser Artikel ist dir gewidmet, liebe Anke ❤︎)
Sichtbarkeit im Job: was die meisten darunter verstehen

Wenn Frauen das Thema Sichtbarkeit im Job angehen, hören sie oft ähnliche Ratschläge. Sei selbstbewusster. Setz dich durch. Zeig, was du kannst. Und irgendwie schwingt da immer so eine Vorstellung mit, dass Sichtbarkeit bedeutet: lauter werden, kämpfen, Ellenbogen einsetzen. So wie einige männliche Kollegen das halt machen.
Wenn ich dieser Ratschläge gehört oder gelesen habe, dachte ich früher immer: Ja, klingt ja logisch, aber das bin ich nicht. Ich will nicht kämpfen. Ich will nicht jemand sein, der über andere drüberredet oder sich mit aller Kraft in den Vordergrund drängt. Ich möchte nicht auf Kosten anderer und auf Kosten meiner Werte erfolgreich sein. Meine logische Konsequenz damals: Dann ist Sichtbarkeit wohl einfach nichts für mich. Und dann ist wohl auch Karrieremachen einfach nichts für mich.
Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Um mal deutlichere Worte in den Mund zu nehmen: es ist sogar ganz großer Bullshit!
Die, ich nenne sie jetzt mal der Einfachheit halber so, Ellenbogen-Taktik funktioniert für die meisten Frauen schlichtweg nicht, weil wir für dasselbe Verhalten anders bewertet werden als Männer. Eine Frau, die laut und durchsetzungsstark auftritt, gilt schnell als schwierig oder aggressiv, während ein Mann in derselben Situation als Führungspersönlichkeit wahrgenommen wird. Diesen Doppelstandard habe ich schon in anderen Artikeln aufgezeigt (z.B. hier: Im nächsten Meeting endlich gehört werden: 6 Tipps, die sofort helfen).
Aber selbst wenn dieser Doppelstandard nicht existieren würde, wäre Ellenbogen-Sichtbarkeit keine gute Strategie. Denn sie ist anstrengend. Sie kostet enorm viel Energie. Und sie fühlt sich für die meisten Frauen, die ich kenne, einfach nicht richtig an. Nicht weil wir zu schwach dafür wären, sondern weil wir instinktiv spüren, dass das nicht der Weg sein kann. Selbst wenn wir es also auf diese Art versuchen, sind wir nicht mehr authentisch und – darauf komme ich später noch – ergo wird es nicht klappen.
Und außerdem, und das ist der entscheidendere Punkt: Echte Sichtbarkeit hat mit Ellenbogen eigentlich gar nichts zu tun. Sichtbarkeit bedeutet nicht, die lauteste Person im Raum zu sein. Es bedeutet, so präsent zu sein, dass andere gar nicht anders können, als dich wahrzunehmen. Und das ist etwas völlig anderes. Es gibt also einen Unterschied zwischen jemandem, der Aufmerksamkeit einfordert, und jemandem, der sie ganz natürlich auf sich zieht. Ohne Kampf. Ohne sich zu verstellen. Einfach so.
Was auf der äußeren Ebene wirklich zählt

Wenn wir über Sichtbarkeit im Job reden, denken die meisten zuerst an das, was man sehen und hören kann. Wie jemand in einem Meeting sitzt. Wie jemand spricht. Ob jemand Raum einnimmt oder sich eher so klein wie möglich macht.
Und ich muss ehrlich sagen: Das ist absolut richtig und wichtig. Ich habe selbst gemerkt, wie viel sich verändert, wenn ich aufrecht sitze, die Arme auf dem Tisch habe und nicht mit gesenktem Blick ins Leere starre, sondern wirklich im Raum ankomme. Das klingt banal, aber es macht etwas mit einem. Nicht nur damit, wie andere einen wahrnehmen, sondern auch damit, wie man sich selbst fühlt. Als würde der Körper dem Kopf sagen: Hey, wir sind hier. Wir gehören dazu.
Körpersprache ist dabei nur der Anfang. Genauso wichtig ist zum Beispiel, wo du sitzt. Ich habe das lange unterschätzt. Wer sich einfach auf dem nächsten freien Platz niederlässt, egal ob das die hinterste Ecke ist, vergibt im Zweifel eine Sichtbarkeits-Chance. Platziere dich strategisch. Setz dich dahin, wo du gesehen wirst. Idealerweise gegenüber, mindestens aber im Blickfeld der Person, die die Entscheidungen trifft.
Und dann ist da noch die Sprache. Ich falle übrigens selbst immer noch manchmal in alte Muster, weil die halt tief sitzen. Dieser Reflex, einen Gedanken mit „Ich weiß nicht ob das passt, aber…“ einzuleiten. Oder eine Idee schon im ersten Satz kleinzureden, bevor jemand anderes die Chance hat, das zu tun. Das haben wir so gelernt. Bescheidenheit als Schutzschild. Immer schön unauffällig bleiben, bloß niemanden vor den Kopf stoßen.
Das Problem ist nur: Wer seinen eigenen Gedanken nicht traut, gibt anderen auch keinen Grund, ihm zu trauen.
Und dann ist da noch die Stimme. Viele Frauen heben sie am Ende eines Satzes, was Aussagen wie Fragen klingen lässt. „Ich denke, wir sollten das Projekt bis Ende des Monats abschließen?“ Klingt nach Erlaubnis holen, nicht nach Einschätzung teilen. Auch das ist ein erlerntes Muster, kein Charakterfehler. Und es lässt sich ändern. Einfach mal bewusst darauf achten, wie ein Satz endet. Nicht nach oben, sondern ruhig bleiben oder minimal nach unten. Das klingt auf einmal ganz anders. Überzeugender. Klarer. Und interessanterweise auch entspannter.
All das lässt sich üben. Rhetorik-Training, Kommunikationstechniken, Körpersprache, meine Kollegin hat das ja alles gemacht.
Warum hat das bei ihr trotzdem nicht gereicht?
Was auf der inneren Ebene passiert

Meine Kollegin hat irgendwann den Job gewechselt. Nicht als große triumphierende Entscheidung, sondern eher erschöpft und frustriert. Sie hatte einfach keine Energie mehr für diesen täglichen Kampf. Jahre später traf ich sie zufällig und wir gingen zusammen einen Kaffee trinken. Damals erzählte sie mir von dem Plot Twist nach ihrer Kündigung.
In ihrer neuen Stelle hatte sie eine Chefin, die völlig anders war. Eine Frau, die ihr Team aktiv supportete, die mentale Gesundheit nicht als Buzzword benutzte sondern wirklich lebte, und die meiner Kollegin zum ersten Mal das Gefühl gab: Du bist hier richtig. Du gehörst dazu. Was du sagst, zählt.
Und ganz langsam begann sich etwas in meiner Kollegin zu verschieben.
Das ist der Teil, den wir beide damals noch nicht verstanden hatten. Alle Techniken der Welt helfen wenig, solange man innerlich noch überzeugt ist, dass man lieber nicht zu viel Raum einnehmen sollte. Dass man sich erst beweisen muss, bevor man eine Meinung haben darf. Dass Sichtbarkeit irgendwie gefährlich ist, weil sie Angriffsfläche bietet.
Meistens sind das keine bewussten Gedanken. Es sind Glaubenssätze, viele davon aus unserer Kindheit. Die sitzen sehr viel tiefer. In dem kleinen Zögern bevor man spricht. In dem Reflex, eine Idee sofort abzuschwächen. In dem Gefühl, dass man eigentlich noch nicht so weit ist.
Woher kommen diese Glaubenssätze? Oft aus sehr frühen Erfahrungen. Aus dem Klassenzimmer, wo laute Mädchen als frech galten und ruhige als brav. Aus der Familie, wo Bescheidenheit Tugend war. Aus ersten Jobs, wo man gelernt hat, dass es sicherer ist, nicht aufzufallen. Das sind keine Schwächen. Das sind Anpassungsleistungen. Nur dass sie irgendwann nicht mehr schützen, sondern bremsen.
Und solange die da in einem stecken, kann man noch so aufrecht sitzen und noch so klar formulieren. Es fühlt sich nicht stimmig an. Und das merken andere.
Was meine Kollegin in dieser neuen Stelle bekam, war kein weiteres Training. Sie bekam zum ersten Mal die Bestätigung, dass sie so wie sie ist, genau richtig ist. Nicht zu viel (zu emotional, zu engagiert) und auch gut genug (anstatt noch nicht bereit). Sie erfuhrt endlich, dass ihr Wert nicht von ihrer Leistung abhängt, und dass Raum einnehmen kein Kampf sein muss, sondern einfach ihr gutes Recht ist.
Wenn innen und außen zusammenkommen

Ich arbeite ja gerne mit Metaphern, also hier kommt eine: Stell dir ein Haus vor, das nur aus Fassade besteht. Schön verputzt, frisch gestrichen, alles tip top. Aber kein Fundament darunter. Sieht gut aus, hält aber nicht. Und umgekehrt: Ein Fundament allein, ohne Haus darüber, ist halt auch nur ein Fundament. Man kann da nicht wohnen.
Ich erlebe beide Varianten in meiner Arbeit. Frauen, die rhetorisch sehr fit sind, aber sich trotzdem klein machen. Die wissen genau, wie man eine Aussage formuliert, wie man Blickkontakt hält, wie man die Stimme einsetzt. Und trotzdem verlassen sie Meetings mit dem Gefühl, dass sie eigentlich gar nicht richtig da waren. Weil sie zwar die Form beherrschen, aber innerlich noch nicht wirklich angekommen sind. Noch nicht bei sich.
Und dann gibt es die anderen. Frauen, die innerlich schon sehr klar sind, die wissen was sie wollen, die ihre Leistung einschätzen können, die sich nicht mehr so leicht erschüttern lassen. Aber die noch nicht wissen, wie sie das nach außen tragen sollen. Die vielleicht sogar Angst haben, dass Sichtbarkeit bedeutet angreifbar zu werden. Die lieber im Hintergrund bleiben, weil es dort sicherer ist, auch, wenn es sich nicht richtig anfühlt.
Wie bei dem Haus reichen die einzelnen Elemente alleine nicht.
Wenn du innerlich noch mit der Frage kämpfst ob du überhaupt das Recht hast, Raum einzunehmen, dann wird die beste Körpersprache nicht helfen. Es fühlt sich an wie eine Verkleidung. Und Verkleidungen merkt man, irgendwie. Menschen spüren, ob jemand wirklich authentisch ist oder eben nur so tut als ob. Das ist keine Magie, das ist ganz normale menschliche Wahrnehmung.
Aber wenn die innere Haltung stimmt, wenn du wirklich weißt dass deine Meinung zählt und dein Beitrag wertvoll ist, dann sind die äußeren Techniken plötzlich keine große Sache mehr. Die lernst du schnell. Sie sind dann eher die Hebel, die du einsetzen kannst um das zu verstärken, was ohnehin schon da ist. Du musst dann gar nicht mehr nachdenken. Du sitzt einfach aufrecht, weil es sich richtig anfühlt. Du sprichst klar, weil du weißt was du sagen willst. Du nimmst dir den Raum, weil du weißt dass er dir zusteht. Bedeutet das, dass du eine andere werden musst, oder darfst du bleiben, wer du bist? Das erfährst du hier.
DAS ist echte Sichtbarkeit. Nicht laut sein. Nicht kämpfen. Sondern so in sich ruhen, dass andere gar nicht anders können, als dich wahrzunehmen.
Was bleibt
Als ich meiner ehemaligen Kollegin damals beim Kaffee gegenübersaß, habe ich sie sofort anders wahrgenommen. Nicht krass anders, nicht wie eine andere Person. Aber irgendwie… ruhiger, mehr bei sich. Sie hat erzählt und ich habe gedacht: Die ist angekommen.
Ich habe ihr das gesagt. Dass man merkt, dass sie jetzt mehr in sich ruht. Und sie hat gelacht und dann etwas gesagt, das ich seitdem nicht vergessen habe:
„Hätte ich das früher gewusst, dass es eigentlich die innere Haltung ist, dann wäre vieles in meinem Leben so viel einfacher gewesen.“

Ich denke oft an diesen Satz. Weil er so wunderschön zusammenfasst, was ich heute in meiner Arbeit immer wieder erlebe. Frauen, die jahrelang an der Oberfläche arbeiten, Techniken lernen, Tipps sammeln, und trotzdem das Gefühl haben, dass sie irgendwie nicht ankommen. Nicht weil sie es falsch machen. Sondern weil niemand ihnen gesagt hat, dass es vor allem um ein stabiles Fundament geht.
Du musst nicht erst eine tolle Chefin finden, die dir das zeigt. Du kannst heute damit anfangen.
Wenn du merkst, dass du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, und dass du nicht nur an den äußeren Hebeln drehen möchtest, sondern wirklich verstehen willst was dich innerlich bremst, dann lass uns reden. In einem kostenlosen Strategiegespräch schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst und was dein nächster Schritt sein könnte. Ich würde mich jedenfalls riesig freuen, wenn du dich bei mir meldest!

